Gerade wurden auf Island die ersten Finnwale seit drei Jahren erlegt. Arni Finnsson erklärt, wieso die Jagd weitergeht – obwohl es kaum noch einen Markt für Walfleisch gibt
Nach dreijähriger Pause wurden in Island gerade wieder die ersten Finnwale gefangen. Am Dienstag kehrten zwei Trawler mit drei erlegten Tieren nach Akranes, 60 Kilometer nördlich von Reykjavik, zurück, wo sie jetzt unter freiem Himmel zerlegt werden. Die Jagd auf Wale ist höchst umstritten: Finnwale sind streng geschützt, nach europäischem Recht dürfen sie weder erlegt noch gehandelt werden. Doch Island besitzt ein eigenes Fischereirecht. Experte Arni Finnsson von der Iceland Nature Conservation Association beobachtet die Situation schon seit fast 30 Jahren. Er erklärt, wieso der isländische Walfang nichts mit Tradition zu tun hat und wieso kaum noch jemand das Fleisch der Tiere isst.
Herr Finnsson, wieso fängt Island wieder Wale?
2003 hat Island den Fang von Minkwalen wiederaufgenommen, 2009 auch den von Finnwalen. Aber im Schnitt nur alle zwei Jahre, auch seit 2023 gab es eine Pause. Der Markt für Walfleisch ist einfach zu klein. Die große Frage ist: Wieso fangen sie jetzt wieder an?
Und?
Die eine Firma, die noch auf Walfang geht, kann eigentlich kaum noch etwas verdienen. Es ist ein Verlustgeschäft. Also muss etwas anderes dahinterstecken. Man könnte vermuten, dass die Fischer den Walfang politisch instrumentalisieren wollen. Denn Island denkt darüber nach, wieder über einen Beitritt zur EU zu verhandeln – und die verbietet Walfang. Die Fischerei-Industrie ist sehr mächtig auf Island. Womöglich will sie so nationalistische Gefühle wecken und zeigen: Seht, die wollen uns bevormunden! Wir müssen selbst bestimmen dürfen!
Gibt es denn überhaupt einen Markt für Walfleisch?
Das meiste wurde in der Vergangenheit nach Japan exportiert. Aber dort ist der Markt dramatisch eingebrochen: 1962 wurden dort noch 260.000 Tonnen Wal gefangen, heute sind es vielleicht 2000 Tonnen. Japan will unser Walfleisch gar nicht – die geringe Nachfrage wollen die japanischen Fischer selbst bedienen.
Isst man auf Island Walfleisch?
Finnwal wurde nie viel gegessen. Aber als ich ein Kind war, brachte meine Mutter manchmal Minkwalfleisch mit. Es war billig, ein typisches Mittwochsessen. Mein Bruder mochte es nicht, er hatte einen besseren Gaumen als ich. Also nannte sie es Rind und kochte eine gute Soße dazu. Aber Walfleisch schmeckt nicht gut, weil es sehr fettig ist und man den Tran herausschmeckt. In den Restaurants auf Island, wo man es heute noch bekommt, schneiden sie es deswegen auch in sehr dünne Scheiben. Die servieren sie dann vor allem Touristen und sagen ihnen, das sei eine isländische Tradition. Dabei kommt das Fleisch heute ohnehin meistens aus Norwegen.
Ist Walfang keine isländische Tradition?
Tradition ist eine Erfindung der Moderne. Wenn du etwas rechtfertigen willst, nennst du es Tradition. Der erste Minkwal wurde in Island 1914 geschossen. Hvalur hf, das erste Walfang-Unternehmen – und das einzige, das heute noch operiert – gründete sich 1948. Aber richtig Fahrt nahm der Walfang erst in den 1950er und 60er Jahren auf. Und ab 1974 nahm uns Japan den Großteil ab. Ich denke, aus strategischen Gründen: Womöglich hofften sie darauf, dass Island sie in der Internationalen Walfang-Kommision unterstützt, um selbst weiter Walfang betreiben zu können.
Also gab es historisch vorher gar keinen Walfang auf Island?
Es gab riesige Walfang-Operationen im späten 19. Jahrhundert in unseren Gewässern durch Norwegen und die USA, aber Isländer waren daran kaum beteiligt. Damals wurden die Populationen westlich von Island fast ausgelöscht. Und es ging noch nicht einmal um das Walfleisch, sondern um den Tran, der aus dem Blubber, also der Fettschicht, gewonnen wird. Heute gibt es nur noch eine Walfangflotte mit zwei Trawlern auf Island, betrieben vom Sohn des einstigen Gründers, der heute selbst 83 ist. Ich weiß wirklich nicht, wieso sie das immer noch machen. Er muss wohl besessen sein.
Ein Kapitän Ahab.
Ein finsterer Vergleich, aber ja. Er kann nicht aufhören.
Wie läuft die Jagd auf Finnwale ab?
Die Boote haben vorn eine Vorrichtung mit einer Harpune, die bei Aufprall explodiert. Im Idealfall treffen sie das Tier irgendwo an der Wirbelsäule und es stirbt sofort. Aber genau darum hat sich in den letzten Jahren eine Kontroverse entwickelt. Seit 2022 müssen bei der Waljagd zwei Beobachter von der Fischereibehörde an Bord sein. Sie filmten auch, und die Aufnahmen waren wirklich qualvoll. Denn die Fischer mussten oft zwei-, drei- oder viermal schießen, bevor sie das Tier töten konnten. Es war schrecklich.
Was passiert mit einem angeschossenen Wal?
Wenn er nicht gleich stirbt, wird er – wie alle Tiere – versuchen, zu entkommen. Finnwale sind ziemlich schnell. Aber die Boote sind es auch, ich glaube, etwa 28 Knoten oder 50 Kilometer pro Stunde. Sie können die Tiere einholen. Im Schlachthaus muss ein Tier sofort sterben. Ein Sprecher der Walfänger sagte mal: „Das ist eben draußen in der wilden Natur, da funktioniert nicht immer alles perfekt. Und das stimmt sicher. Aber Island ist eines der wohlhabendsten Länder Europas und wir essen Walfleisch nicht mal. Es ist absurd, dass wir damit weitermachen.
Laut dem Report der Beobachter aus der Walfang-Saison 2022 starben nur 59 Prozent der Tiere sofort. Ein Wal kämpfte 120 Minuten, bevor die Fischer ihn erlegen konnten.
Genau. Niemand in Island mag das, nicht mal die Walfänger mögen das. Vielleicht hat die Jagd deswegen diesmal so lange gedauert, von Samstag bis Dienstagmorgen. Weil sie nicht erneut Tiere mit zwei, drei Harpunen töten wollten. Vielleicht haben sie sich mehr Zeit gelassen, die Wale aufzuspüren und besser zu zielen.
Was passiert mit den toten Tieren?
Die Fischer binden sie an den Seiten der Boote fest, das hält das Fleisch im Meerwasser kühl. So fahren sie zurück zur Walfangstation in Akranes. Dort zerteilen sie die Tiere und schneiden das Fleisch in kleinere Portionen, um es einzufrieren. Wenn es bei minus 70 Grad oder kälter gelagert wird, hält Walfleisch zehn Jahre. Wale sind übrigens die einzigen Tiere, die unter freiem Himmel geschlachtet werden dürfen.
Wie stehen die Einwohner Islands zum Thema Walfang?
Unsere jüngste Umfrage aus dem Mai zeigt: 41 Prozent sind dagegen, 33 Prozent dafür und der Rest ist unentschieden. Wie bei anderen Themen wie Klima und Umwelt sind es vor allem ältere Männer, die Walfang gut finden. Wenn ein Trawler nach der Jagd einläuft, kommentieren die dann auf Facebook: Wow, jetzt können wir Walfleisch essen. Herrlich. Aber wir essen gar keinen Wal.
Es gibt auch kein Wal-Fest, niemand lädt Freunde ein zum Wal-Barbecue. Wieso verteidigen diese Menschen eine Kultur, an der sie gar nicht teilnehmen?
Weil es Männer sind. Wir müssen unsere dicken Autos fahren dürfen und wir müssen unsere Wale töten dürfen. Viele denken wohl, das sei männlich.
Gab es denn Proteste dagegen, dass die Trawler wieder auf Walfang gehen?
Ja, am Sonntag gab es einen Protest. Und es ist wohl auch noch mehr geplant.
Wieviele Menschen haben demonstriert?
Es waren sogar 80 Leute da! (Pause) Sie hören, dass ich jetzt sarkastisch werde. Auf eine Art ist es einfach tragisch. Aber ich kann mich auch darüber lustig machen. So kann ich meine Arbeit fortführen, ich leihe mir die Courage von meinem Sinn für Humor. Wie man in Schweden sagt: Hoffnung ist das letzte, was ein Mensch aufgibt. Wenn du nicht hoffen kannst, bist du gelähmt.
Plant die Regierung, etwas beim Walfang zu verändern?
Unsere Handelsministerin hat wiederholt gesagt, dass sie Walfang noch in diesem Herbst verbieten will. Wie sie das machen will, weiß ich nicht. Aber sie wirkt zuversichtlich, dass die Koalition hinter ihren Plänen steht. Das ist ein Grund, wieso ich hoffnungsvoll bin. Sie konnte zwar die aktuelle Jagdsaison nicht verhindern. Aber vielleicht wird es die letzte sein.
