Austern, Pilztrips, erste Liebe: Fritz Breithaupt schreibt darüber, warum Erlebnisse erst durch Deuten, Erinnern und Erzählen zu Erfahrungen werden
Da ist dieses kalte, weiche Gefühl im Mund. Das nachgiebige Fleisch schmeckt nach Meerwasser und Salzlake. Die Auster hat noch getropft, ja, fast noch gelebt, bevor Anthony Bourdain sie seinen Rachen herunterstürzte.
Nach dieser Erfahrung war alles anders: «Es gab kein Zurück mehr. Der Geist war aus der Flasche. Mein Leben als Koch und Chefkoch hatte begonnen», zitiert Buchautor Fritz Breithaupt den US-Kochstar. Damit skizziert Breithaupt den Kern seines Sachbuches «Einmal, Zweimal, Keinmal: Wie wir Erfahrungen machen».
Breithaupt ist Kognitions- und Literaturwissenschaftler an der University of Pennsylvania. In seiner Arbeit befasst er sich mit Empathie, moralischem Denken, Emotionen, Parteilichkeit, Ausreden, Gewalt – und Erfahrungen.
Er schreibt: «Wer Erfahrungen macht, lebt intensiver und komplexer. Dazu möchte ich ermutigen. Denn wir haben zwar viele Erlebnisse, aber es liegt an uns, aus ihnen auch Erfahrungen zu machen.» Dazu muss man den Unterschied zwischen Erlebnis und Erfahrung verstanden haben. Denn auch vom Sofa aus können wir das alltägliche Erleben in Erfahrungen überführen.
Zu dieser Erkenntnis führt Breithaupt Leserinnen und Leser strukturiert und fundiert: Jede seiner Behauptungen stützt sich auf eine Studie, klassische Literatur (inklusive Goethe) oder Erklärungen in Fußnoten. Das Buch zerlegt die Frage nach der menschlichen Erfahrung kleinteilig. Attraktiv wird dieses Vorgehen, weil Breithaupt seinen wissenschaftlichen Ton spickt mit den Erfahrungen echter Menschen – etwa der des Kochs Bourdain. So haucht er seinen Thesen Leben ein.
Die Erkenntnisfindung läuft geordnet ab: Zunächst schreibt Breitbart über die Macht des ersten Mal. Dann widmet er sich wiederholenden Erfahrungen und schließlich jenen, die gar nicht passiert sind – den imaginären Erfahrungen. Letztere stellt man sich entweder vor, oder erlebt sie durch Literatur oder mithilfe chemischer Substanzen.
Breithaupt nutzt wohl kuratierte Anekdoten wie die eines jungen Mannes, der auf einem Pilz-Trip in Lebensgefahr gerät und danach nie wieder stottert. Außerdem bedient er sich bei Kunst, Geschichte und Literatur. So greift Breithaupt auf die Überlieferungen des Missionars und Afrikaforschers David Livingstone zurück, und beschreibt den Reiz eines erstmaligen Erlebnisses anhand von Entdeckungsreisen. Und tritt dann mitten ins Fettnäpfchen, weil er unmoderiert rassistische Narrative des 19. Jahrhunderts wiederholt: «Im Kontrast zu dem abergläubischen Ureinwohner erscheint die Rationalität des weißen Entdeckers umso deutlicher.» Was eigentlich die Relevanz der Perspektive auf Erfahrungen verdeutlichen soll, liest sich so als geschmackloses Beispiel. An anderer Stelle ist von «wilden Frauen» (Afrikanerinnen) die Rede. Die fehlende Einordnung stößt auch hier sauer auf.
Insgesamt ergibt sich jedoch ein Bild verschiedenster Lebenssituationen, die zu Erfahrungen werden können: die erste Liebe, die erste Entlassung, das erste Mal Austern essen (die Meeresfrüchte sind ein wiederkehrendes Motiv) oder eine (gegebenenfalls traumatische) Situation erneut durchleben.
Dabei können wir uns von unserem früheren Selbst befreien, die Erfahrungen durch das Erinnern und unsere Handlungen verändern. Wer etwa eine erhabene Naturerfahrung macht, werde etwas mehr zur Erhaltung unserer Natur beitragen. Breithaupt beschreibt Erfahrungen als Knoten im Lebensfaden eines Menschen, die durch kognitive Handlungen geknüpft, aber ebenso wieder entknotet werden können. Ein kognitiver Akt kann sein, dass wir einem Ereignis einen Rahmen geben. Es bewerten, vergleichen und editieren können. Diese kognitiven Akte – das Buch definiert insgesamt sechs – unterscheiden schlussendlich ein Erlebnis von einer Erfahrung. Sie verwandeln den Alltag in einen Erfahrungsschatz. Für alle, die sich nun fragen, was das konkret bedeutet, ist «Einmal, Zweimal, Keinmal» unbedingt lesenswert.
Menschen orientieren sich an Erfahrungen, da sie eine Zäsur bedeuten. Es gibt ein Davor und ein Danach. Wie das erste Austernessen bei Bourdain sind sie lebensverändernd – manche mehr, manche weniger. Das Buch ermutigt zur Reflexion des eigenen Erfahrens. Es weckt Neugier auf neue Ersterfahrungen. Denn die tragen, so Breithaupt, zu einem guten Leben bei.
