Archäologisches Rätsel: Tödliche Schädelverletzung: Wer ist der Mann in der Ofengrube?

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In Sachsen-Anhalt entdeckten Forschende einen Toten, der vor tausenden Jahren inmitten einer Feuerstelle bestattet wurde. Der Fund wirft Fragen über vorgeschichtliche Rituale auf

Der Tote liegt genauso da, wie die meisten Männer, die vor 4000 bis 5000 Jahren in Mitteldeutschland beigesetzt wurden: auf der rechten Seite liegend, die Arme nah am Körper, die Beine angewinkelt, der Blick gen Süden. Trotzdem ist etwas ungewöhnlich an der Bestattung, auf die Archäologinnen und Archäologen jetzt bei Gerstewitz südwestlich von Leipzig gestoßen sind: Der Mann erlitt eine tödliche Schädelverletzung. Und er liegt mitten in einer Ofengrube, einer vorgeschichtlichen Feuerstelle.

«Der Fund ist ein Traum für Archäologen», sagt Dr. Susanne Friederich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. «Er wirft so viele Fragezeichen auf!» Wurde der Mann getötet? Oder hatte er einen Unfall? Warum wurde er ausgerechnet in einer Ofengrube beigesetzt? Welche Rolle spielten diese Gruben für die Gemeinschaften jener Zeit? Dienten sie nicht nur der Zubereitung von Speisen, sondern auch für Zeremonien? Friederich erhofft sich vom Fund bei Gerstewitz neue Einblicke in den Alltag der Menschen zur Zeit der Schnurkeramik zwischen 2900 und 2050 v. Chr. – und in ihre Rituale.

Gruben mit zerstückelten Hundeskeletten

300 Ofengruben konnten Forschende in Mitteldeutschland bislang nachweisen: Sie bestehen aus zwei Kammern von je einem Meter Durchmesser, zwei Meter tief im Boden, die durch einen kleinen Schacht unterirdisch verbunden sind. Bislang ging die Forschung davon aus, dass in der einen Grube Feuer erzeugt wurde und die andere dem Rauchabzug oder der Luftzufuhr diente. «In Gerstewitz haben wir aber auch Anhaltspunkte, dass in der zweiten Kammer etwas geräuchert wurde», sagt Friederich. Etwa Fleisch oder Fisch.

Und noch etwas unterscheidet diese Ofengrube von anderen. «Statt die Asche nach dem Feuer aus der Kammer zu entfernen, haben die Menschen einfach ein bisschen Lehm draufgeworfen, sie auf diese Weise versiegelt und später ein neues Feuer angezündet», sagt Friederich. Sieben Schichten von Versiegelung konnten sie und ihr Team nachweisen. «Das ist ein Phänomen, das ich noch nie beobachtet habe.» Ein Zeichen reiner Bequemlichkeit? Oder dafür, dass diese Kammer für besondere Zwecke verwendet wurde?

Dass ausgerechnet in eine Feuer- und Kochstelle ein Mensch gelegt wurde, macht die Grube noch rätselhafter. Die meisten der Kammern, die Forschende heute entdecken, sind leer. In seltenen Fällen enthalten sie Rinder, zerstückelte Hundeskelette oder besondere Steine, etwa zum Mahlen von Getreide. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deuten diese Funde als mögliche Opfergaben. 

Schwere Wunde am Hinterkopf

«In vielleicht zwei Prozent der Gruben liegen Menschen, und dies ist der erste mit einer tödlichen Schädelverletzung», sagt Friederich. Ob der Tote ermordet wurde oder schwer stürzte, lässt sich nicht mehr klären. Fest steht: Die Wunde am Hinterkopf zeigt keinerlei Verheilungsspuren. Der Mann muss an dieser Verletzung gestorben sein. Untersuchungen der Beckenknochen ergaben, dass er zwischen 20 und 25 Jahre alt war. «Möglicherweise wurde der Tote ganz gezielt in dieser Ofengrube bestattet», sagt Friederich. «Vielleicht wollte man sich von diesem Mann in der Mitte der Gesellschaft verabschieden.»

Denn in der Gegend bei Gerstewitz legten Menschen bereits zur Zeit der Baalberger Kultur – etwa 2000 Jahre vor dem Toten in der Ofengrube – über einer hölzernen Totenhütte einen bis zu 15 Meter hohen Grabhügel an. Später entstand hier zudem ein Wall-Graben-System mit Innenräumen für Zeremonien. «Vielleicht galt dieser Ort zur Zeit der Schnurkeramik weiterhin als heiliger Hain, an dem man Beerdigungszeremonien durchgeführt und Speisen zubereitet hat», sagt Friederich. Stimmt ihre Vermutung, wäre die Ofengrube zumindest in Gerstewitz nicht Teil des Siedlungsalltags, sondern ein besonderer Ort für Rituale und Zeremonien.

Die Forschenden wollen nun den kompletten Erdblock mit den Ofengruben ausheben und ins Labor des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle schaffen. Friederich: «Dieser Fund wird uns sicher noch die nächsten zehn Jahre beschäftigen.»

Борис Рогачёв

Борис Рогачёв — журналист из Ярославля с 12-летним опытом работы в медиа. Специализируется на культурных событиях и новостях общества. Начинал карьеру в локальных изданиях, затем работал внештатным автором в федеральных СМИ.