Vor 200 Jahren wurde der Forscher Georg von Neumayer geboren. Er wollte Meeresströmungen kartieren – und ließ deshalb tausende Flaschenposten ins Meer werfen
Mitte August 1867 erhält der Meeresforscher Georg von Neumayer in seinem Heimatort Frankenthal in der Pfalz ein Schreiben, auf das er drei Jahre lang gewartet hat. Das Dokument ist blau gefärbt, etwas größer als eine Postkarte, und kommt aus Australien. Es ist der Inhalt einer Flaschenpost – und Teil eines weltumspannenden Experiments.
Neumayer ließ die Flasche 1864 im südlichen Atlantik ins Wasser setzen. Auf dem blauen Papierstück ist nun in schwarzer Tinte vermerkt: Ein gewisser Michael O’Donohue fand die Flasche am 9. Juni 1867 um 12 Uhr mittags bei 38° 19’ 45″ südlicher Breite und 142°10‘ 35″ östlicher Länge – und machte genau das, was Neumayer in der fernen Pfalz sich erhoffte. O’Donohue zog den Korken aus der Flasche, entrollte das blaue Stück Papier, füllte das Formular über die Fundumstände aus und schickte es an Neumayer. Demnach muss die Flasche im südlichen Atlantik gedriftet sein, bis sie schließlich die australische Küste erreichte, 300 Kilometer westlich von Melbourne.
Neumayers Ziel sind schnellere Routen für Handelsschiffe
Die Flaschenpost ist nur ein Puzzleteil in Neumayers Forschung. Er will die Meeresströmungen der Ozeane erfassen und kartieren. Deshalb lässt er auf Schiffsreisen tausende Flaschen ins Wasser werfen – in der Hoffnung, dass eifrige Finder, ganz gleich wo auf der Welt, sie ihm mit Angaben zum Fundort zurückschicken in seine Heimat. Es ist ein großangelegter Versuch mit offenem Ende. Und doch legt Neumayer den Grundstein für ein neues meereskundliches Forschungsfeld.
Sein ganzes Leben widmete er sich der See, obwohl er weit entfernt von jeder Küste aufgewachsen war. 1826 im pfälzischen Kirchheimbolanden geboren, damals Teil des Königreichs Bayern, studierte Georg von Neumayer erst Geophysik und Hydrografie in München, ließ sich dann in Hamburg zum Steuermann ausbilden und fuhr danach zur See. 1858 wurde er Direktor des neugegründeten geophysikalischen Flagstaff-Observatoriums in Melbourne und unternahm Expeditionen, um das Innere des Kontinents zu vermessen. Zurück in Deutschland, arbeitete er bei der Kaiserlichen Admiralität, der obersten Marinebehörde im Kaiserreich, und leitete ab 1875 die Deutsche Seewarte in Hamburg. Die Seefahrt durch meeresphysikalische und meteorologische Beobachtungen zu fördern, Karten zu erstellen, nautische Instrumente zu verbessern – das waren jetzt Neumayers Anliegen.
Die Flaschenpost-Idee war ihm schon zehn Jahre vorher gekommen. In den USA hatte der Marineoffizier Matthew Fontaine Maury auf die gleiche Weise erste Experimente durchgeführt. «Neumayer wollte mit seiner Forschung die Seefahrt fördern. Für die Handels-Segelschiffe war es entscheidend, gute Strömungen zu erwischen, um möglichst schnell zum Zielort zu gelangen», sagt Pamela Machoczek, Bibliothekarin im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), der Nachfolge-Institution der Deutschen Seewarte.
Die Flaschen landeten in allen Teilen der Welt
Vor ihren Abfahrten händigte Neumayer Kapitänen Formulare aus: Dort hatten die Schiffsleute einzutragen, wann, wo und auf welcher Route die Flaschenpost eingeworfen wurde. Als Behälter verwendeten die Mannschaften meist leer getrunkene Schnapsflaschen. Dann verkorkten sie die Flasche und warfen sie auf hoher See aus. Meeresströmungen spülten sie irgendwann, irgendwo an Land.
Hafenarbeiter, Spaziergängerinnen und Fischer, die die Flaschenpost öffneten, stießen auf den Begleitzettel: «Der Finder wird ersucht, den darin befindlichen Zettel, nachdem die auf umstehender Seite gewünschten Angaben vervollständigt sind, an die Deutsche Seewarte in Hamburg zu senden oder auch an das nächste deutsche Konsulat zur Beförderung an jene Behörde abzugeben», stand so oder in ähnlichen Formulierungen zumeist in Deutsch und Englisch auf den Zetteln. Die gewünschten Angaben: Fundort und Datum.
6500 Flaschen ließ Neumayer auf den Weltmeeren aussetzen, zehn Prozent der Formulare fanden ihren Weg zurück nach Deutschland. Dabei spielte der Zufall eine gewichtige Rolle: Die Flaschenposten mussten während ihrer Reise nicht nur unbeschadet an eine Küste gespült, sondern dort auch noch entdeckt werden – und der Finder oder die Finderin musste die Botschaft auf dem Zettel verstehen und bestenfalls ein deutsches Konsulat oder wenigstens eine Poststelle aufsuchen.
Heute finden sich 662 Flaschenpost-Formulare in der öffentlich zugänglichen Maritimen Fachbibliothek des BSH in Hamburg. Sie stammen aus allen Teilen der Welt: Madagaskar, den Marshallinseln, Kuba, den Bahamas, Algerien. Manche Flaschenposten waren nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte unterwegs: «2018 ist zum letzten Mal ein Flaschenpost-Formular bei uns angekommen – 132 Jahre, nachdem die Flasche ausgeworfen wurde», sagt Machoczek. Die Absender? Australier.
Auch die Kapitäne profitierten von der Flaschenpost
Die Flaschenposten, die Neumayer zu seinen Lebzeiten erreichten, nutzte er für seine Forschungen: Er kartierte die Strömungsmuster, die sich bald in Seekarten und Seehandbüchern der Deutschen Seewarte wiederfanden. Auch die Kapitäne, die für den Hydrografen die Flaschen auswarfen, profitierten: Sie erhielten ebenfalls Karten mit eingezeichneten Strömungen. «Neumayer erweiterte das Wissen über die Ozeane erheblich», sagt Machozek.
Neumayer beschäftigte sich aber nicht nur mit der Vermessung der Meere, sondern auch mit Polarforschung. Er organisierte Expeditionen und setzte sich für die erste deutsche Antarktisforschungsreise, die Gauß-Expedition von 1901 bis 1903, ein. 1903 ging Neumayer in den Ruhestand, drei Jahre später starb er. Seine Nachfolger an der Deutschen Seewarte führten die Flaschenpost-Experimente noch bis in die 1930er-Jahre fort.
Auch heute setzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler driftende Hilfsmittel ein, um die Meere zu erforschen: Weltweit treiben 4000 «Argo-Floats» durch die Ozeane und erfassen Temperatur, Salzgehalt und Druck, um etwa den Klimawandel zu messen. Anders als Neumayers Flaschenpost müssen die Treibbojen nicht durch einen glücklichen Zufall an einer Küste gefunden werden: Sie geben die Daten fast in Echtzeit per Satellitenübertragung weiter.
