Forschende haben mithilfe Künstlicher Intelligenz eine beschädigte Schriftrolle aus dem antiken Herculaneum digital entziffert. Das konnten sie nun lesen
Die antike Schriftrolle sieht aus wie ein unförmiger, schwarzer Klumpen. Acht Zentimeter lang, zwei Zentimeter breit – mehr ist von dem Stück Papyrus mit dem wissenschaftlichen Namen «PHerc. 1667» nicht übrig. Vor fast 2000 Jahren verkohlte die Rolle mit Hunderten anderer Schriftstücke beim Ausbruch des Vesuvs in einer Villa in Herculaneum bei Pompeji. 1752 entdeckten Forschende die Überreste des Gebäudes mit den beschädigten Schriften, versuchten in der Folge mehrfach, Dokumente zu entrollen, beschädigten sie dabei jedoch schwer. Und so blieben die Schriftstücke seitdem unlesbar. Bis jetzt.
Forschenden ist es zum ersten Mal gelungen, aus hochauflösenden 3-D-Scans einen fast 1,5 Meter langen zusammenhängenden Text und etwa 20 Spalten Geschriebenes zu entschlüsseln – ohne die Schriftrolle physisch zu entrollen. Allein mit Hilfe Künstlicher Intelligenz konnten sie die in dem Papyrusklumpen verborgenen Sätze lesbar machen.
Stoische Schrift über Ethik und Kunst
Die Entschlüsselung von «PHerc. 1667» ist das jüngste Ergebnis der «Vesuvius-Challenge»: Der 2023 gestartete, internationale Wettbewerb zur Erforschung der Herculaneum-Schriftstücke basiert auf der Arbeit des Informatikprofessors Brent Seales von der University of Kentucky. Er zeigte, dass Algorithmen darauf trainiert werden können, auf Röntgenbildern die Tinte in den zusammengebackenen Schichten der Papyrusrollen zu erkennen. Mehr noch: Seales’ Team stellte Software und hochaufgelöste 3-D-Scans öffentlich zur Verfügung, damit Forschende überall auf der Welt die Techniken zum virtuellen Entrollen der Schriften verbessern können. So wurden in den vergangenen Jahren etwa Titel einiger Papyrus-Bücher lesbar, auch Autoren und einzelne Wörter der beschädigten Dokumente konnten sichtbar gemacht werden.
«PHerc. 1667» ist der nächste Schritt. «Die Schrift galt als völlig unlesbar», erklärt die an dem Projekt beteiligte Papyrologin Federica Nicolardi von der Universität Neapel Federico II. «Doch nun können wir dank des virtuellen Entrollens zusammenhängende Argumentationsketten über mehrere Spalten hinweg verfolgen. Das ist ein bahnbrechender Schritt.»
Demnach befasst sich «PHerc. 1667» mit der stoischen Philosophie zu Ethik, Kunst und menschlichem Verhalten. Konkret warnt der Autor vor Impulshandlungen – einem ungezügelten Verhalten, das letztlich zum Gegenteil der eigenen Ziele führt. Außerdem geht es darum, wie Weisheit den Menschen dabei helfen kann, tugendhafte Entscheidungen zu treffen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Ein Satz aus der Schriftrolle lautet: «Wir werden zwar etwas erforschen, es aber nicht begreifen, wenn wir uns in irgendeiner Weise von uns selbst und von unserer eigenen Natur entfernen.»
Wer «PHerc. 1667» verfasst hat, steht nicht zweifelsfrei fest. Die beteiligten Forschenden vermuten, dass es sich beim Autor um den griechischen Philosophen Chrysippos (um 279–206 v. Chr.) handeln könnte, denn der Text erwähnt dessen Schüler und Neffen Aristokreon. Chrysippos zählt zu den großen Denkern seiner Zeit, allerdings ist fast sein gesamtes Werk verloren. «Dies ist nicht nur eine technische Wiederentdeckung – es ist die Rückkehr einer philosophischen Stimme», schreibt Nicolardi. Fest steht, dass die Schrift auf das dritte oder späte zweite Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. Damit gehört sie wahrscheinlich zu den ältesten Texten aus Herculaneum.
Die Forschenden um Nicolardi konnten zudem einen weiteren Buchtitel entschlüsseln: «Philodemus, Über die Götter, Buch 8.» Philodemus lebte im ersten Jahrhundert v. Chr. und ist der am häufigsten belegte Philosoph in der Bibliothek von Herculaneum. Die Identifizierung beweist, dass «Über die Götter» ein mehrbändiges Werk war. Bislang war nur das erste Buch bekannt. «Diese ungeöffneten Herculaneum-Schriftrollen sehen aus wie tote Bücher, aber das sind sie nicht», erklärt Nicolardi. «Sie fangen wieder an zu sprechen.»
Die Papyrologin ist überzeugt, dass nun ein Prozess der Wiederherstellung verloren geglaubter Schriftrollen beginnt. Gleichzeitig steht die Arbeit am Bücherschatz von Herculaneum: Mehr als 600 Schriftrollen sind noch ungeöffnet.
